Expansion of the Moment

Produktion: Rose Breuss
Aktion und Gespräch: Rose Breuss, Claudia Jeschke, Rainer Krenstetter, Dorota Lecka

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Siehe auch: Odeontanz II

und Staatsballett Berlin

Expansions of the Moment
Performance-Lectures

Konzept

In der zeitgenössischen Kunstszene wird mit dem Begriff der Heterochronie eine Strategie benannt, mit der Künstler ihre Arbeiten in einer nicht genau zu benennenden Zeit situieren. Diese ‚Nicht-Festlegung‘ auf der Zeitschiene, bzw. die bewusste Verwischung und Mischung von Zeitebenen, zielt auf die Fragestellung ‚was ist zeitgenössisch?‘, oder genauer: ‚welche konzeptionellen, ästhetischen oder handwerklichen Bestandteile eines Werks machen dieses zu einem zeitgenössischen Kunstwerk?‘
Für den Tanz gilt: Jede Befassung mit ‚historischem Material‘ ruft von vornherein mehrere Zeitebenen ab, indem der Tanz im Moment der Performance von einem heutigen Tänzer realisiert wird. Präziser: Alle aktuellen Auseinandersetzungen mit Entwürfen aus der Tanzgeschichte verlangen Überlegungen zur Zeitgenossenschaft – im Tanz betreffen sie vor allem das komplexe Verhältnis von Konzeption, Ästhetik, Tanztechnik und Performance: Wie also wird ein getanzter ‚historischer‘ Entwurf zu einem ‚zeitgenössischen‘ Entwurf?


Inhalt des Pilotprojekts – Expansions of the Moment I – Walzer (oder: Wiesenthal/Nijinsky???)
In Aktion und Gespräch: Rose Breuss, Claudia Jeschke, Rainer Krenstetter, Dorota Lecka

Expansion of the Moment thematisiert zwei unterschiedliche choreographische und performative Umgangsweisen mit dem Walzer: einerseits die als ‚Mundart der Wiener Moderne‘ charakterisierten Walzer der Schwestern Wiesenthal, und andererseits das als ‚Walzer-Reminiszenz‘ bezeichnete Le Spectre de la Rose, das der Choreograph Michel Fokine für den legendären Tänzer Wazlaw Nijinsky schuf.
Auf die „Janusköpfigkeit“ des Walzers um 1900 ist mehrfach verwiesen worden. Einerseits repräsentierte er die Ball- und Festkultur des untergehenden österreichischen Kaiserreichs, andererseits war er (noch immer und immer wieder) auf der Bühne des Balletts gegenwärtig. Unter den dynamischen Prämissen der Moderne erlebte das beginnende 20. Jahrhundert prägnante und zukunftsweisende Restaurationen sowohl des Wiener Walzers als auch des Konzertwalzers.
Sphäroide (Choreographie: Rose Breuss, Musik: Franz Hautzinger) ist ein zeitgenössischer Kommentar zu den Tänzen der Schwestern Wiesenthal. Grete Wiesenthal initiierte gemeinsam mit ihren Schwestern Elsa und Berta eine innovative Herangehensweise an den Rhythmus und die Musikalität der Wiener Walzer – geprägt von einer ekstatisch wirkende Schwung- und Drehtechnik. Der Erfolg der Wiesenthals gründet sich auf Auftritten, die während der Wiener Sezession vor allem in Künstlerkreisen Aufsehen erregten; zum sezessionistischen Stil wies die natürliche, deutlich definierte Linearität ihrer Tänze eine besondere Affinität auf.
Auch im Bewegungsvokabular von Le Spectre de la Rose geht es um mögliche Verbindungen von Ekstase und Linienführung, geht es um Umformungen und Verfremdungen von Walzer-Traditionen. Und wie in den Wiesenthal-Tänzen steht die Gestaltung von Atmosphäre im Mittelpunkt der choreographischen und tänzerischen Auseinandersetzung.


Performance-Lecture

Sphäroide, getanzt von der zeitgenössischen Tänzerin Dorota Lecka, und Spectre, getanzt vom klassischen Tänzer Rainer Krenstetter, werden in Ausschnitten gezeigt, im Verlauf der Performance miteinander verwoben, mit tanzhistorischen und choreographischen Informationen versehen (Claudia Jeschke, Rose Breuss) und in aktuellen Erfahrungen der beiden Tänzer gespiegelt. So werden Strukturen aufgedeckt, die jeweiligen Vermittlungs-Formeln transparent gemacht.
Bereits das Sprechen und Denken über Tanz, seine kritische Reflexion, macht ihn zeitgenössisch – in welcher ästhetischen Vermittlung er sich auch präsentiert. Die heterochrone Eigenart dieser Performance-Lecture aber geht über diese Qualität der Aktualisierung hinaus, weil sie durch spezifische Perspektiven – wie etwa Fragen der tänzerischen und choreographischen Handwerklichkeit, der Verwendung von Bewegungsvokabularien, der Relevanz historischer Kontextualisierungen – TanzTexte und TanzTexturen jenseits von Werk und Aufführung thematisiert. Das heißt: Tanz wird gleichermaßen als Wissen erfahrbar und als Ereignis wahrnehmbar.

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